1240 : Ein Kalksteinbruch für das Kloster Uetersen

Quelle: "Aus der engeren Heimat", Oktober 1913, S. 99

 

Im Jahre 1234 gründete Heinrich der II. von Barmstede das Kloster Uetersen. In einer Urkunde aus dem Jahre 1240 wird dem Kloster ein Kalksteinbruch bei Ullerlo zugesprochen. Hierbei handelt es sich vermutlich um eine heute verfüllte Grube in der Verlängerung der Ollerlohstraße, ca. 300 m nordöstlich des Bahnüberganges Rotenlehm. Der in der Grube entnommene Zechsteinkalk wurde gebrannnt und als Mörtel für den Bau des Klosters verwendet.

Abschrift aus dem 15. Jahrhundert der Urkunde aus dem Jahr 1240 (Fundatio des Klosters Uetersen)

1843 : Bau der Bahnverbindung Altona-Kiel

 

Bei den Erdarbeiten zum Bau der Bahnverbindung von Altona nach Kiel trifft man bei Elmshorn im Jahre 1843 auf einen roten Ton, der für Schleswig-Holstein untypisch ist. Der Geologe Ludwig Meyn erkennt in ihm Ablagerungen aus dem Perm und führt erste wissenschaftliche Untersuchungen durch.

 

 

1847 bis 1965 : Ziegelei Rotenlehm

 

Im Jahr 1844, also bereits 1 Jahr nach Entdeckung des roten Tons, erhielt der Altonaer Unternehmer Carl Theodor Arnemann vom dänischen König Christian VIII eine Konzession für eine Ziegelei auf dem roten Lehm von Lieth.

 

1847 wurde der Betrieb aufgenommen. Der rote Ton wurde in den östlich der Bahn gelegenen Tongruben von Hand gefördert und mit einer von Pferden gezogenen Lorenbahn zum Werk westlich der Bahnlinie transportiert. Der Ton wurde gelagert, aufgearbeitet und von Hand am sogenannten Streichtisch in Form gebracht. Anschließend erfolgte die Trocknung, bevor die Ziegelrohlinge gebrannt wurden. Als Brennmaterial wurde anfangs Torf aus den angrenzenden Mooren verwendet.

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es technische Neuerungen, die die Produktivität steigerten. Die Ziegelrohlinge wurden maschinell in einer Strangpresse, angetrieben mit einer Dampfmaschine, hergestellt. Der sogenannte deutsche Ofen wurde durch einen Hoffmannschen Ringofen ersetzt.

 

1869 bis 1908 war die Ziegelei im Besitz der Familie Möller. Die Industrialisierung Schleswig-Holsteins mit großen Werksgebäuden und die Errichtung zahlreicher preußischer Verwaltungsgebäude führte zu einer großen Nachfragen von Ziegelsteinen. In Elmshorn wurden zahlreiche Gebäude mit Ziegelsteinen aus Lieth errichtet z. B.: der Turm der St. Nikolai-Kirche (1881), die Malzfabrik Assmussen, die Reit- und Fahrschule (1894), die heutige Bismarckschule (1895), der Wasserturm (1902).

 

Luftbild der Ziegelei 1930 (Quelle nicht bekannt)

 

1908 kaufen die Familien Meinert, Eilers und Magens die Ziegelei. Während der beiden Weltkriege wurde der Betrieb eigestellt. Nach dem 2. Weltkrieg erhielt Ernst Meinert von der britischen Besatzung ein Produktionsgenehmigung und der Betrieb wurde mit mehr als 40 Arbeitern wieder aufgenommen.

Förderung des Tons mit einem Eimerkettenbagger (Foto: 1957 Bestmann)

Ab 1952 wurde der Betrieb von der Familie Kapplusch geführt und teilweise modernisiert. In den 60er Jahren setze sich in Ziegeleien der Tunnelofen durch. Diese Investition lohnte sich für die Liether Ziegelei nicht, zumal der rote Ton mit seinem hohen Gipsanteil als Rohstoff für qualitativ hochwertige Ziegel nur eingeschränkt geeignet war. So wurde 1965 der Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.

1872 bis 1878 : Tiefbohrung mit Weltrekord

Bohranlage der Tiefbohrung Schladebach. Wurde vermutlich auch in Lieth verwendet (Bildquelle: Köbrich 1888)

 

Nachdem erkannt worden war, das der rote Ton dem Rotliegenden (Perm) angehört, kam die Erwartung auf, dass in mäßiger Tiefe das häufig unterlagernde Oberkarbon mit Steinkohleflözen anzutreffen wäre. Daher wurde vom preußischen Staat die Tiefbohrschmiede Schönebeck/Elbe damit beauftragt, eine Explorationsbohrung abzuteufen. Damals war die Existenz von Salzstöcken unbekannt. Nach 6 Jahren war man mit dem 25 PS Dampfmotor angetriebenen Bohrgerät bis in eine Tiefe von 1338 m vorangekommen. Dies war zu damaliger Zeit Weltrekordtiefe. Geologisch gesehen befand man sich aufgrund der Salzstockstruktur jedoch immernoch in Ablagerungen aus dem Rotliegenden und die Bohrung wurde schließlich abgebrochen. Diese Entscheidung war richtig, denn das Karbon beginnt erst in mehr als 7 km Tiefe und Kohleflöze sind auch nicht enthalten.

Die Bohrung wurde vollständig verrohrt. Im Herbst 2012 gelang es, die Bohrstelle neben der Liether Kalkgrube zu lokalisieren und den Kopf der Verrohrung kurzzeitig freizulegen. Es erwies sich, dass das Bohrloch bis in große, unbekannte Tiefe heute noch unverfüllt und trocken ist.

 

 

 

 

1876 bis 1993 : Entstehung der Liether Kalkgrube

 

1876 entdeckte der Geologe Ludwig Meyn das Kalk- und Kalkaschevorkommen von Lieth und erkannte die sehr gute Eignung der Asche als Düngerkalk für die Landwirtschaft. In den folgenden 10 Jahren betrieben er und nachfolgend sein Sohn erstmalig den kommerziellen Abbau und Verkauf der Kalkasche über seine Düngerfabrik in Neuendeich bei Uetersen. Neben der Kalkasche wurde Kalk aus Lieth auch gebrannt und als Kalkmörtel verkauf. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde der Betrieb 1886 eingestellt.

 

Liether Kalkgrube 1930 (Foto: Stehn)

Im Januar 1925 schlossen Diedrich Meinert (Hofbesitzer in Seestermühe) und Johannes Hell senior (Hofbesitzer in Klein Nordende) einen Vertrag. Meinert durfte Kalk auf den Koppeln von Hell ausbeuten und vermarkten. Hell wurde am Gewinn beteiligt.

Im Juli 1926 wurden die Liether Kalkwerke Diedrich Meinert GmbH gegründet. Das Betriebsgelände entstand neben der Ziegelei, so dass Gleisanlagen zum Transport des Düngers genutzt werden konnten. Gesellschafter waren: Eduard Meyn (Fabrikant in Hamburg), Karl Meyn (Kaufmann in Hamburg), Diedrich Meinert und Karl Meinert (Landmann in Seestermühe). Ob die Personen Meyn mit dem Geologen Ludwig Meyn verwand sind, wird noch recherchiert. Diedrich Meinert pries in zahlreichen Werbeschriften die besonderen Eigenschaften des "Liether Kalkmergels" an und machte diesen überregional bekannt.

Liether Kalkgrube 1932 (Foto: Stehn)

 

 

1928 benötigten die Liether Kalkwerke Geldmittel. Die Familien Hell und v. Mallesch traten der Gesellschaft bei.

1936/37 wurden die Liether Kalkwerke Meinert GmbH aus finanziellen Gründen aufgelöst und in die Liether Kalkwerke J. Hell & Co. umgewandelt. Gesellschafter waren von nun an die Familien v. Mallesch und Hell.

 

Liether Kalkgrube 1959 (Foto: Gumbrich)

Im Zuge des Kalkabbaus entstand eine Grube mit erheblichen Ausmaßen. Da die Grubensohle 20 bis 30 m unterhalb des Grundwasserspiegels liegt, muss kontinuierlich Wasser abgepumpt werden. 1980 stieß man beim Abbau auf den Gipsfelsen in der Grubenmitte und es zeigte sich in den folgenden Jahren, dass die Kalkaschevorräte zur Neige gingen. Der Betrieb wurde 1993 endgültig eingestellt.

 

 

 

 

 

 

1983 bis 1991 : Kontroverse um die Zukunft der Kalkgrube

1986: Veranstaltung zum Erhalt der Liether Kalkgrube

 

Im Zuge des Abbaus der Kalkaschen wurden die geowissenschaflich wertvollen Gesteinsschichten freigelegt (Lieth-Serie, Zechsteinkalke) und frühzeitig als schützenswert erkannt. Bereits 1969 wurden die Grube und das angrenzende Liether Moor Landschaftsschutzgebiet.

In den 80er Jahren begann mit dem Schwinden der Kalkaschevorräte eine Diskussion um die Zukunft der Grube.

1983 stellten die Liether Kalkwerke den Antrag, das Landschaftsschutzgebiet aufzulösen und die Kalkgrube als Klärschlammdeponie zu nutzen. Die Gemeindevertretung Klein Nordende stimmte dem Antrag zu und auch der Kreistag beschäftigte sich mit ihm. Dies führte zu einem Protest von Wissenschaftlern aus Kiel und Hamburg. Der Geologe Professor Friedrich Grube vom Geologischen Landesamt in Kiel und Günter Hell von den Liether Kalkwerken entwickelten daraufhin ein Konzept, dass sowohl die wirtschaftliche Zukunft der Kalkwerke, als auch den Erhalt der geologisch relevanten Formationen sicherstellte.

1986 kündigte Günter Hell die Einstellung des Kalkascheabbaus an und erneut gab es Überlegungen, die Grube als Klärschlammdeponie zu nutzen. Dies führte zu einem wirksamen öffentlichen Protest. Die Gemeinschaft zur Erhaltung von Kulturgut in der Gemeinde Tornesch lud zu einer Besichtigung der Kalkgrube ein. Infolge der Proteste unterstützte nun auch die Geimeindevertretung Klein Nordende eine Unterschutzstellung der Kalkgrube.

 

Sommer 1990: Nach dem Ausfall der Pumpen 1989 entstand ein See in der Grube

In den folgenden Jahren gab es zahlreiche Auseinandersetzungen über Finanzierungen, Besitzverhältnisse und die Kosten für das Abpumpen des Grubenwassers. In dieser Zeit kam es auch zu einem Defekt der Pumpen und der Wasserstand in der Grube stieg ca. bis auf halbe Höhe der Grube an. Im Februar 1991 begann das THW mit leistungstarken Pumpen die Grube wieder trocken zu legen und erreichte dies nach mehreren Monaten. Anschließend wurde eine neue Pumpanlage installiert, die zunächst von der Geimeinde Klein Nordende unterhalten wurde.

 

1991 erfolgte die Ausweisung der Liether Kalkgrube als Naturschutzgebiet. Ziel der Landesverordung war es, die geologische Bedeutung der Grube und ihren hohen Naturschutzwert zu sichern.

 

 

1991 bis heute

 

1995 wurde die Betreuung des Naturschutzgebietes dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund (SHHB) übertragen. Die Kulturgemeinschaft Tornesch, als Ortsverein des Landesverbandes SHHB, hat seitdem diese Aufgabe übernommen. In den folgenden Jahren entstand ein attraktives Naherholungsgebiet, ein Lebensraum für seltende Pflanzen und Tiere und ein Ort der von überregionaler, geologischer Bedeutung ist.

 

2006 erfolgte mit der Aufnahme der Liether Kalkgrube in die Liste Nationaler Geotope eine weitere Aufwertung.

 

 

Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit der Kulturgemeinschaft Tornesch sind Führungen. In den Jahren 2012 bis 2013 wurden jeweils über 1000 Personen in kleineren und größeren Gruppen durch die Grube geführt. 2014 wurde mit 1461 Personen der bisherige Höchststand erreicht.

 

Die Arbeit der Kulturgemeinschaft Tornesch wird von der Gemeinde Klein Nordende, den Kreis- und Landesbehörden, den Geologischen Landesämtern, der Hermann-Hell-Stiftung und zahlreichen weiteren Institutionen und Personen unterstützt. Wir danken allen Helfern und freuen uns auf eine weiterhin konstruktive Zusammenarbeit.